Das Steuerrad des Dampfers Primus

In diesem Monat präsentiert die wissenschaftliche Mitarbeiterin Jutta Kurbjuhn-Schöler ihr Lieblingsstück. Sie arbeitet seit 1996 im Buxtehude·Museum und hat ihre Leidenschaft für Objekte mit Geschichte zu ihrem Beruf gemacht.

Eins meiner Lieblingsstücke aus der Sammlung ist…

…das Steuerrad des Buxtehuder Raddampfers Primus.

Primus_Steuerrad (1)

Jutta Kurbjuhn-Schöler präsentiert das Steuerrad des Raddampfers Primus

Dieses hielt der Steuermann in der Nacht zum 21. Juli 1902 in den Händen, als es auf der Elbe zu einer folgenschweren Kollision mit einem Schlepper kam. Was als fröhliche Ausflugsfahrt eines Gesangvereins begann, endete in einer Katastrophe: 103 Menschen starben, nur 80 Meter vom Strand in Hamburg-Nienstedten entfernt.

Das Schiff wurde später geborgen, instandgesetzt und auf den Namen Buxtehude umbenannt – ohne Erfolg. Die Menschen mieden das ‚Unglücksschiff‘. Sein letzter Besitzer, der Buxtehuder Carl Burgis, musste den kleinen Raddampfer 1910 verschrotten lassen. Zuvor sicherte er noch einen Teil des Inventars, darunter auch das Steuerrad.

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Seit 1984 gehört das Steuerrad des Primus zum Bestand des Buxtehude·Museums.

Carl Burgis hatte es seiner Tochter Elsie zu ihrer Hochzeit geschenkt. Sie hatte es viele Jahre – zur Deckenlampe umfunktioniert – in ihrer Wohnung in Hamburg hängen. In ihrem Testament vermachte sie das Steuerrad dem Museum.

Was fasziniert Sie daran?

Die Geschichte des Raddampfers war die erste stadtgeschichtliche Ausstellung, an der ich 1997 als Neu-Buxtehuderin mitarbeitete. Durch den Primus habe ich sehr viel über Buxtehude, den Hafen und die Elbschifffahrt erfahren.

Aber vor allem die menschliche Tragödie hinter dem Schiffsunglück berührte mich sehr. Und da sind es keine Zahlen, Daten, Fakten, die einen bewegen, sondern ein Name, ein Einzelschicksal oder eben ein Steuerrad, das zu den letzten Überresten des Raddampfers Primus gehört.

Welche Fragen sind zu dem Objekt noch offen?

Selten haben wir Objekte, deren Geschichte so lückenlos erzählt werden kann, wie die des Steuerrades des Primus – wohl vor allem, weil diese Geschichte einen so dramatischen Höhepunkt hat. Auch Jahrzehnte später erschienen noch Zeitungsberichte darüber.

Umso überraschender ist, dass darin nie ein Überlebender seine Eindrücke schilderte, dass kein Angehöriger zu Wort kam.

Wie wäre das wohl heute? Augenzeugenberichte wären gefragt, Nachbarn von Opfern würden interviewt, selbstverständlich hätte jemand das Unglück mit dem Handy aufgezeichnet, und sicherlich fände sich ein Sender, der in einer auf Jahre angelegten Dokumentation das Schicksal eines der Waisenkinder verfolgt hätte. Würde mich das alles mehr berühren, als dieses Steuerrad?

Detail des Steuerrads

Detail des Steuerrads