Die Daumenschrauben werden angezogen

Tanja Gissel, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Buxtehude·Museums, hat ein Herz für Archäologie. Sie gerät bei versteinerten Fundstücken, alten Gefäßen und Speerspitzen in Verzücken. Dementsprechend richtet sie ihren Spot auf ein außergewöhnliches Lieblingsstück.

Eins meiner Lieblingsstücke ist…

… ein Paar Daumenschrauben, das neben weiteren Foltergeräten im historischen Altbau des Buxtehude·Museums ausgestellt ist.

Tanja Gissel hofft, dass die Daumenschrauben nicht angezogen werden

Tanja Gissel hofft, dass die Daumenschrauben nicht angezogen werden

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Die Daumenschrauben gehören zum Altbestand des Buxtehude∙Museums. Aufgrund des Eingangsbuchs des Museumsvereins, in dem von 1881–1911 alle Museumsobjekte eingetragen wurden, lässt sich nachvollziehen, dass sie im Besitz der Stadt Buxtehude waren. Neben den Daumenschrauben fanden zeitgleich ein Paar Beinschrauben, Fuß- und Handschellen sowie sechs Richtschwerter Eingang ins Museumsinventar.

Die Folterwerkzeuge aus dem 17. Jahrhundert stammen aus der sog. „Frohnerey“. Dieses war ein Gebäude der Stadt Buxtehude, in dem der Henker und der Gerichtsbüttel wohnten. Im Keller befand sich eine Folterkammer, die auch als Gefängnis genutzt wurde. Die Frohnerey wurde um 1869 abgerissen und an gleicher Stelle ein neues Gebäude für die Königlich Preußische Zollverwaltung errichtet. Das noch heute in der Moortorstraße 2 vorhandene Gebäude trägt die gut sichtbare Aufschrift „Zollamt“.

Was fasziniert Sie an dem Objekt?

Folterinstrumente als Mittel der Erpressung von Geständnissen und Einschüchterung erscheinen heute unmenschlich und grausam. Der Einsatz von Daumenschrauben zur „Wahrheitsfindung“ gehörte jedoch im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit zum Standard bei der sog. „peinlichen Befragung“. Sie wurden oft bei Verhören von Frauen, die wegen Zauberei angeklagt wurden, verwendet.

Der Druck, der auf die Daumen oder andere Finger in den eingespannten und verstellbaren Zwingen ausgeübt wurde, muss zu unvorstellbaren Schmerzen geführt haben und hatte mitunter Knochenbrüche zur Folge. Diese Verhörmethoden sind noch heute in den Redewendungen „jemandem Daumenschrauben anlegen“ bzw. „die Daumenschrauben anziehen“ zu finden.

Auch wenn die „Frohnerey“ schon lange nicht mehr steht, zeugen doch heute noch die originalen Foltergeräte von dieser Zeit und ihrer Auffassung von Rechtsfindung – das macht sie für mich so spannend.

Welche Fragen sind zu dem Objekt noch offen?

Welcher Verdacht oder welche Vergehen rechtfertigten den Einsatz von Daumenschrauben? Wer wurde damit verhört und wer führte die Befragungen durch? Wurden damit die als Hexen denunzierten Buxtehuder Frauen  –  wie die Bürgermeisterfrau Margarete Bicker 1555 – gefoltert und so zu Geständnissen gezwungen? Dieses dunkle Kapitel der Rechtsgeschichte gilt es weiter zu beleuchten.

Die Daumenschrauben sind nicht angezogen!

Die Daumenschrauben sind nicht angezogen!

Die Daumenschrauben sind in der Waffenkammer im historischen Altbau des Buxtehude·Museums zu sehen

Die Daumenschrauben sind in der Waffenkammer im historischen Altbau des Buxtehude·Museums zu sehen