Kategorie-Archiv: Blick in die Sammlung – Mein Objekt des Monats

Der Himten – ein altes Maß

Ein weiteres Lieblingsstück stellt Robert Kamprad, nicht nur langjähriges Mitglied des Buxtehuder Rates, sondern auch im Museumsverein Buxtehude vor. Wir freuen uns, dass er sein umfangreiches ehrenamtliches Engagement auch auf das Buxtehude·Museum erstreckt.

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Robert Kamprad präsentiert den Himten

Eins meiner Lieblingsstücke aus der Sammlung ist….

…der Buxtehuder Himten, ein altes Hohlmaß für Getreidekörner. Im Unterelberaum waren Himten mit ganz unterschiedlichem Fassungsvermögen in Gebrauch. Gemeinsam hatten sie nur den Namen. Das Maß war unterschiedlich geeicht, so hatte z.B. der Buxtehuder Himten 31,385 Liter, der Sittenser Pastorenhimten aber 18,170 Liter.

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Der Himten stammt ursprünglich aus meiner Familie. Wir haben ihn erst 1990 bei der grundlegenden Sanierung unseres Fachwerkhauses, das seit Jahrhunderten in Familienbesitz ist,  wiederentdeckt. Nachdem sämtliche Steine des Fachwerkhauses entfernt waren, standen nur noch die Gefache, die das „Skelett“ des Hauses bilden. Im Zuge dieser Arbeiten stießen wir und zwischen dem Erdgeschoss und dem 1. Obergeschoss auf eine Zwischendecke, die vorher nicht erkennbar war. Ich habe mich dann erinnert, dass meine Mutter in meiner Kindheit davon erzählt hat und zu berichten wusste, dass diese Zwischendecke in Kriegszeiten als Versteck für wichtige Dinge genutzt wurde. So fanden wir hier neben dem Himten noch Teile eines Silberbestecks, sowie eine hölzerne Schrotschaufel.

1992 habe ich den Himten dann dem Buxtehude·Museum geschenkt.

Was fasziniert Sie an dem Objekt?

Als Buxtehuder bin ich natürlich von dem Himten fasziniert, weil er durch das Stadtwappen, das man auf ihm sieht, eindeutig als ein Objekt einzuordnen ist, das offiziell von dieser Stadt zur Verwendung freigegeben wurde. Auch die eingestanzte Jahreszahl 1840 verleiht ihm eine gewisse Würde und verweist darauf, dass er viele Jahrzehnte Geschichte erlebt und hinter sich hat. Das Niedersachsenpferd, das auf dem äußeren Rand zu sehen, könnte auf eine übergeordnete Bedeutung des Hohlmaßes schließen lassen.

Wenn Ihr Herzensobjekt Ihnen antworten könnte, was würden Sie es fragen?

Spontan fällt mir eine sehr persönliche Frage ein: „Wer hat Dich in die Zwischendecke gestellt?“. Natürlich wüsste ich auch gerne, wer aus unserer Familie den Himten benutzt hat und was konkret mit ihm gemacht wurde.

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Das Buxtehuder Stadtwappen auf dem Himten

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Das Niedersachsenpferd ist deutlich zu erkennen

Die trauernde Madonna – Auf Entdeckungsreise mit den Augen

Susanne Mayerhofer, langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin des Buxtehude·Museums, stellt Ihnen ihr Lieblingsobjekt vor. Sie hat, neben vielen anderen Dingen, die Dauerausstellung im Sakralturm entwickelt und ihn im Jahr 1997 mit dem britischen Künstler Michael Craig-Martin zu einem Highlight werden lassen. Kein Wunder also, dass ihr Herzensobjekt eines der sakralen Objekte ist.

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Susanne Mayerhofer vor der Madonna, die aufgrund der Museums-Sanierung auf ihre Rückkehr in den Sakralturm wartet

1. Eins meiner Lieblingsstücke aus der Sammlung ist….

die lebensgroße Holzfigur einer trauernden Maria. Ihre Haltung weist darauf hin, dass sie ursprünglich zu einer Kreuzigungsgruppe gehörte. Die stehende Madonna ist vermutlich um 1470/1480 in einer Hamburger Werkstatt gefertigt worden. Sie ist aus Eichenholz geschnitzt und war ursprünglich – wie dies bei mittelalterlichen Bildwerken üblich war – „gefasst“: Sie war bemalt und farbig gestaltet. Form und Farbe bildeten eine Einheit, doch wurden die Farbschichten wahrscheinlich im 19. Jahrhundert bis auf den plastisch geformten Holzkern entfernt und durch die heute sichtbare dunkle Beize ersetzt. Die Vorgehensweise spiegelt eine im Zeitgeschmack des Klassizismus und der Romantik wurzelnde Tendenz in der Restaurierungsgeschichte wieder. Man schätzte den mittelalterlichen Gestaltungswillen falsch ein und begriff die originale Farbfassung nicht als Teil des Kunstwerks.

Laut mündlicher Überlieferung ist die trauernde Maria schon im 30jährigen Krieg schwer beschädigt worden. In den Religionskriegen kam es häufig vor, dass sakrale Bildwerke mutwillig entstellt wurden, wozu insbesondere das Abschlagen der Nasen zählte. Außerdem hat die Buxtehuder Maria ihre Hände eingebüßt, die sie ursprünglich vor ihrem sanft geschwungenen Körper hielt.

2. Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Die trauernde Maria zählt zu den ältesten Sammlungsstücken des Buxtehude·Museums und wird als Leihgabe der St.-Petri-Kirchengemeinde geführt. Schon im Eingangsbuch von 1881 wird sie als „Holzschnitzarbeit“ bezeichnet. Sie befand sich also schon damals in dem heutigen Zustand.

3. Was fasziniert Sie an dem Objekt?

Trotz aller Beschädigungen und Verluste strahlt die Figur nach meinem Empfinden große Vollkommenheit aus.

Die in sich gekehrte Gestalt besticht durch ihre zurückhaltende, ja elegant wirkende Schlichtheit. Ihr einfacher Mantel ist in wenigen Falten drapiert und umschließt die schlank aufragende Figur. Er gibt nur einen schmalen Ausschnitt des in geraden senkrechten Falten fallenden Kleides preis. In einem sanften S-Schwung wird der Blick von dort zum Antlitz gelenkt. Es ist in tiefer, still verinnerlichter Trauer versunken. Alles konzentriert sich auf den leise erduldeten, dadurch aber nicht weniger intensiven Schmerz.

Da mein Blick durch die Kunst des 20. Jahrhunderts und ihre von der Konvention abweichenden Ausdrucksmittel geprägt ist, gelingt es mir, sogar die offensichtlich erlittenen

Schäden – den Verlust von Nase und Händen – in mein Bild der trauernden Madonna zu integrieren. Sie wirken auf mich wie Wunden, die diese Maria mit Würde erträgt.

4. Wenn Ihr Herzensobjekt Ihnen antworten könnte, was würden Sie es fragen?

Gern würde ich wissen, wer die Marienfigur geschaffen hat, wie sie ursprünglich ausgesehen hat und wo sie aufgestellt war; darüber hinaus würde ich auch gern mehr über ihre Geschichte und die Motive für die Eingriffe und Veränderungen erfahren. Da die schriftlichen Quellen nicht ergiebig sind, bleibt die Figur selbst Zeitzeugin ihres Wandels. Auch wenn die originale Einheit unwiederbringlich verloren und nicht wiederherzustellen ist, so können vielleicht aus Resten der alten Farbschichten, die sich in den Faltentiefen erhalten haben, doch noch Erkenntnisse über das beeindruckende Bildwerk gewonnen werden!

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Susanne Mayerhofer untersucht die Madonna mit einem Handmikroskop…

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und findet winzige Reste blauer Farbe in den Gewandfalten

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So wird die Madonna nach Ende der Umbauarbeiten wieder im Sakralturm zu sehen sein

 

So spannend kann Gips sein

Lisa-Marie Bruenninski, die Vor- und Frühgeschichte studiert, absolvierte im Februar 2017 ein freiwilliges Praktikum bei uns. Ihr Studium der Vor- und Frühgeschichte hat sie aus Leidenschaft gewählt und so ist es kein Wunder, dass ihr Lieblingsobjekt aus diesem Fachgebiet stammt.

Eins meiner Lieblingsstücke aus der Sammlung ist….

das Objekt mit der Inventarnummer e / 01701, die Gipsnachbildung eines jungsteinzeitlichen Steinbeils.

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Lisa-Marie Bruenninski vermisst das Steinbeil für die genaue Erfassung des Objektes in der Datenbank

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Die Gipsnachbildung wird erstmals 1881 im „Eingangsbuch des Museumsvereins von 1881 – 1911“ genannt. Das Imitat ist eins der ersten Objekte, die dort eingetragen wurden. Damit entspricht der Gipsabdruck ganz dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts, denn man versuchte zu dieser Zeit durch Gipsimitate große Universalsammlungen, u. a. in Universitäten, in Museen und privaten Lehrsammlungen zu gründen. Durch Abdrücke wurden so Skulpturen, Gefäße, Geräte und Waffen aus verschiedenen Kulturen und Epochen zugänglich gemacht.

Die Nachbildung des Beils ist Bestandteil einer Sammlung von ursprünglich zehn Gipsabdrücken von prähistorischen Steinbeilen und –Äxten. Die Sammlung wird als Geschenk von Julius Scharlok (1809-1899) im ersten Eingangsbuch des Museums aufgeführt. Scharlok war Botaniker und 1883 Gründungsmitglied der Deutschen Botanischen Gesellschaft. Besonders bemerkenswert ist, dass sich an einigen seiner Gipsabdrücke noch Aufkleber mit den Nummern aus dem Eingangsbuch von 1881 befinden.

Was fasziniert Sie an dem Objekt?

Mich fasziniert, wie detailgetreu man im 19. Jahrhundert den Feuerstein nachgebildet hat. Das Imitat hat eine Färbung, die dem Original sehr ähnlich sein muss, außerdem sind die Stellen erkennbar, die man bei einem Original als „Abschlagsnegative“ bezeichen würde. Das sind die Stellen am Stein, die eingedellt wirken, denn dort hat man mit gezielten Schlägen etwas vom Stein abgeschlagen. Ganz besonders spannend finde ich drei kleine, ausgemalte Einkerbungen an der Schneide des Beils. Sie zeigen an, dass das Original-Beil in der Vorgeschichte tatsächlich genutzt wurde.

Wenn Ihr Herzensobjekt Ihnen antworten könnte, was würden Sie es fragen?

Ich würde gerne wissen, wer diese tolle Gipsnachbildung gefertigt hat und vor allem wo. Der Schenker Julius Scharlok stammt aus dem preußischen Graudenz; warum hat er seine Sammlung ausgerechnet dem Buxtehuder Heimatverein geschenkt? Natürlich interessiert mich auch das Originalstück. Woher kommt es? Wer hat es gefunden? Wer hat damit Holz bearbeitet? Die Frage um Julius Scharlok lässt sich vielleicht klären, aber der Nutzer des Beils liegt mehrere Jahrtausende in der Vergangenheit verborgen.

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Die Nachbildung des Steinbeils

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In der Mitte des Nachbildung erkannt man die detailgetreu nachgearbeitete Einkerbung

Die Prieche

Für die Präsentation eines neuen Lieblingsobjekts konnten wir Helmut Gretscher, Vorstandsmitglied im Museumsverein Buxtehude e. V. und langjähriger Museumsführer, gewinnen. Eigentlich gehört sein Herz allen Museumsobjekten, aber er hat sich nach einiger Bedenkzeit doch für ein persönliches Highlight entschieden.

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Helmut Gretscher vor der Prieche, die im historischen Altbau zu sehen ist

Eins meiner Lieblingsstücke aus der Sammlung ist….

…die Prieche -ein Vorbau-  mit ihren renaissanceähnlichen Schnitzereien, die im 2. Stock des historischen Altbaus des Buxtehude·Museums eingebaut ist.

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Die Prieche ist seit dem Bau des ehemaligen Heimatmuseums, also seit 1913, im Museum. Bereits in den Plänen des Architekten von 1911 ist sie eingezeichnet und wurde dementsprechend als festes Objekt installiert.

Was fasziniert Sie an dem Objekt?

Das Material Holz in seiner vielfältigen Ausprägung hinsichtlich der Maserung, Farbe und Konsistenz hat mich bereits in meiner Jugend fasziniert. Damit wurde aber auch mein Interesse für aus Holz gefertigte Gegenstände geweckt. Am Beispiel der „Prieche“ beeindruckt mich die gelungene Synthese aus handwerklicher Präzision und künstlerischer Gestaltung, mit – gemessen an heutigen Maßstäben – begrenzten Mitteln aus dem sehr harten Eichenholz herausgearbeitet.

Wenn Ihr Herzensobjekt Ihnen antworten könnte, was würden Sie es fragen?

Ich würde wissen wollen, aus welchem Buxtehuder Haus die Prieche stammt und wer sie angefertigt hat.

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Detail mit wunderschöner Schnitzarbeit

Historische Landkarten

Als ihr Lieblingsobjekt präsentiert Museumsmitarbeiterin Susanne Gratza, die neben ihrer Aufgabe als Assistentin der Musemsleiterin auch die Öffentlichkeitsarbeit des Hauses betreut, ein Objekt, das durch die vorbereitenden Arbeiten zur Sanierung des Magazins ans Licht kam.

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Entdecker, Forscher, Weltenfahrer – mit historischen Landkarten in Gedanken unterwegs in ferne Länder

 

  1. Eins meiner Lieblingsstücke aus der Sammlung ist….

…ein Buch mit verschiedenen historischen Landkarten, die größtenteils aus dem 18. Jahrhundert stammen. Sie wurden 1893 von der Buchdruckerei Hausmann aus Buxtehude zu einem wunderschönen Buch zusammengefasst.

  1. Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Das Buch mit den Landkarten gehört zum sog. Altbestand des Museums, was bedeutet, dass es seit den Anfängen des Museums im Haus ist.

  1. Was fasziniert Sie an dem Objekt?

Wenn ich das Buch berühre, stelle ich mir vor, wie sein Besitzer vielleicht mit ihm in der Hand in Gedanken und Tagträumen Reisen in die Welt unternommen hat. Reisen war zu der Zeit anstrengend, nur für einen Bruchteil der Menschen erschwinglich und wenn es nach Übersee ging mit Gefahren verbunden. Daher male ich mir aus, wie jemand sich vom Fernweh gepackt, im Buch Karten gesucht und in seinem Kopf die dargestellten Länder oder Landstriche hat Wirklichkeit werden lassen. Die Karten haben das Kopfkino sicher unterstützt, denn auf einigen von ihnen finden sich Illustrationen, die für die damalige Zeit exotische Städte oder Menschen zeigen. Bei einigen finden sich zudem geschichtliche Erläuterungen zu den Ländern oder Städten, deren Lektüre aus heutiger Sicht besonders spannend ist.

Außerdem liebe ich Bücher, die haptisch besonders ansprechend sind. Das Buch beeindruckt alleine durch seine Größe, sein Gewicht und den wunderbaren Einband mit den großen Schließen.

  1. Wenn Ihr Herzensobjekt Ihnen antworten könnte, was würden Sie es fragen?

Hatte Dein Besitzer Lieblingsländer? Hat er tatsächlich weite Reisen unternommen? Warst Du Anschauungsobjekt für Kinder, denen Geschichte und Geografie beigebracht werden sollte? Hat vielleicht sogar Herr Röding Deine Karten betrachtet und so seine Liebe zur Marine entdeckt? Erzählst Du mir Deine Geschichte?

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Karte von Gibraltar

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Detail einer Amerika-Karte

Haarkunst

Dieses außergewöhnliche Objekt stellt Elke Brand, langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin des Buxtehude·Museums vor. Sie betreut den historischen Altbau des Museums mit der fast original erhaltenen Ausstellung des Heimatmuseum aus dem Jahr 1913. Ihr reichhaltiges und umfassendes Wissen zu alter Handwerkskunst ist jederzeit abrufbar und sie versteht es, mit anschaulichen Erklärungen die Arbeit längst untergegangener Berufe lebendig werden zu lassen.

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Elke Brand mit ihrem faszinierenden Lieblingsobjekt

Eins meiner Lieblingsstücke aus der Sammlung ist …

…ein kleines Kästchen mit einem sehr filigran gearbeiteten Miniaturblumenstrauß aus Haaren.

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Das Kästchen ist Bestandteil eines umfangreichen Schenkungsbestandes aus einer Buxtehuder Familie, der sich seit 1985 in der Sammlung des Museums befindet. Dabei gewähren die Objekte aus dieser Schenkung einen übergreifenden Einblick sowohl in die Familiengeschichte als auch in die Kulturgeschichte, stammen sie doch von verschiedenen Familienmitgliedern unterschiedlicher Generationen.

Was fasziniert Sie an dem Objekt?

Besonders beeindruckt hat mich der Umgang mit dem Material Haar.

Aus heutiger Sicht können wir uns nur noch schwer vorstellen, Dinge aus dem Haar geliebter Personen anzufertigen, um sich an besondere Ereignisse aus dem Leben dieser Menschen zu erinnern. Der moderne Mensch des 21. Jahrhunderts würde zur Kamera greifen und ein Foto machen.

Kästen mit kunstvoll gestaltetem Menschenhaar in Form von Ornamenten oder Blumenbouquets wurden als Andenken an besondere Ereignisse im Leben eines Menschen – wie Taufe, Hochzeit, Jubiläum oder Tod – angefertigt. Diese Haarbilder waren im frühen 19. Jahrhundert ein beliebter Wandschmuck in bürgerlichen Wohnungen.

Bei Haarbildern, die zu Anlässen wie Hochzeit und Jubiläum hergestellt wurden, waren florale Motive sehr beliebt. Jeder Blumenart wurde dabei eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben. Diese Form der verschlüsselten Blumensprache war durchaus verbreitet, was zahlreiche Veröffentlichungen von Bilderbögen zur Blumensymbolik belegen.

Das ausgewählte Objekt ist Zeugnis einer Epoche, in der es eine intensive Freundschafts- und Andenkenkultur gab, mit vielerlei Symbolik behaftet, deren Bedeutung wir uns heute erst wieder mühsam erschließen müssen.

Wenn Ihr Herzensobjekt antworten könnte, was würden Sie es fragen?

Ich würde es spannend finden, zu erfahren, für welchen Anlass das Kästchen mit dem Blumenbouquet gefertigt wurde. Welche Botschaft steckt in dem Blumenarrangement?

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Ein aus menschlichem Haar gefertigter Blumenstrauß

Die Daumenschrauben werden angezogen

Tanja Gissel, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Buxtehude·Museums, hat ein Herz für Archäologie. Sie gerät bei versteinerten Fundstücken, alten Gefäßen und Speerspitzen in Verzücken. Dementsprechend richtet sie ihren Spot auf ein außergewöhnliches Lieblingsstück.

Eins meiner Lieblingsstücke ist…

… ein Paar Daumenschrauben, das neben weiteren Foltergeräten im historischen Altbau des Buxtehude·Museums ausgestellt ist.

Tanja Gissel hofft, dass die Daumenschrauben nicht angezogen werden

Tanja Gissel hofft, dass die Daumenschrauben nicht angezogen werden

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Die Daumenschrauben gehören zum Altbestand des Buxtehude∙Museums. Aufgrund des Eingangsbuchs des Museumsvereins, in dem von 1881–1911 alle Museumsobjekte eingetragen wurden, lässt sich nachvollziehen, dass sie im Besitz der Stadt Buxtehude waren. Neben den Daumenschrauben fanden zeitgleich ein Paar Beinschrauben, Fuß- und Handschellen sowie sechs Richtschwerter Eingang ins Museumsinventar.

Die Folterwerkzeuge aus dem 17. Jahrhundert stammen aus der sog. „Frohnerey“. Dieses war ein Gebäude der Stadt Buxtehude, in dem der Henker und der Gerichtsbüttel wohnten. Im Keller befand sich eine Folterkammer, die auch als Gefängnis genutzt wurde. Die Frohnerey wurde um 1869 abgerissen und an gleicher Stelle ein neues Gebäude für die Königlich Preußische Zollverwaltung errichtet. Das noch heute in der Moortorstraße 2 vorhandene Gebäude trägt die gut sichtbare Aufschrift „Zollamt“.

Was fasziniert Sie an dem Objekt?

Folterinstrumente als Mittel der Erpressung von Geständnissen und Einschüchterung erscheinen heute unmenschlich und grausam. Der Einsatz von Daumenschrauben zur „Wahrheitsfindung“ gehörte jedoch im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit zum Standard bei der sog. „peinlichen Befragung“. Sie wurden oft bei Verhören von Frauen, die wegen Zauberei angeklagt wurden, verwendet.

Der Druck, der auf die Daumen oder andere Finger in den eingespannten und verstellbaren Zwingen ausgeübt wurde, muss zu unvorstellbaren Schmerzen geführt haben und hatte mitunter Knochenbrüche zur Folge. Diese Verhörmethoden sind noch heute in den Redewendungen „jemandem Daumenschrauben anlegen“ bzw. „die Daumenschrauben anziehen“ zu finden.

Auch wenn die „Frohnerey“ schon lange nicht mehr steht, zeugen doch heute noch die originalen Foltergeräte von dieser Zeit und ihrer Auffassung von Rechtsfindung – das macht sie für mich so spannend.

Welche Fragen sind zu dem Objekt noch offen?

Welcher Verdacht oder welche Vergehen rechtfertigten den Einsatz von Daumenschrauben? Wer wurde damit verhört und wer führte die Befragungen durch? Wurden damit die als Hexen denunzierten Buxtehuder Frauen  –  wie die Bürgermeisterfrau Margarete Bicker 1555 – gefoltert und so zu Geständnissen gezwungen? Dieses dunkle Kapitel der Rechtsgeschichte gilt es weiter zu beleuchten.

Die Daumenschrauben sind nicht angezogen!

Die Daumenschrauben sind nicht angezogen!

Die Daumenschrauben sind in der Waffenkammer im historischen Altbau des Buxtehude·Museums zu sehen

Die Daumenschrauben sind in der Waffenkammer im historischen Altbau des Buxtehude·Museums zu sehen

Kinderporzellan

Auch unsere langjährige Mitarbeiterin Karina Schneider konnte sich für ein Lieblingsstück unter vielen Herzensobjekten entscheiden und stellt dieses nachfolgend vor. Karina Schneider, die seit 25 Jahren im Buxtehude·Museum arbeitet, ist das lebendig gewordene Lexikon für die Buxtehuder Museumsgeschichte.

Eins meiner Lieblingsstücke ist…

…das Kindergeschirr von Lilly Kruse, Großnichte von Julius Cäsar Kähler, dem Stifter des Heimatmuseums, der Keimzelle des heutigen Buxtehude·Museums.

Wie war es damals? Karina Schneider freut sich über das Kindergeschirr

Wie war es damals? Karina Schneider freut sich über das Kindergeschirr

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Durch den Buxtehuder Journalisten Martin Jank hatte Lilly Kruse einen regen Kontakt mit dem Museum und überließ dem Heimatverein schon in früheren Jahren einige Objekte, die heute in der Dauerausstellung zu sehen sind. Als ich mit Kollegen Frau Kruse in ihrem Haus in Hannover-Langenhagen besuchte, um die Modalitäten einer Leihgabe zu besprechen, hat sie uns mehrere Objekte aus ihrem „Familienschatz“, u. a. auch dieses Geschirr, mitgegeben.

Was fasziniert Sie an dem Objekt?

Zu Weihnachten bekamen die Kinder ein nützliches und ein Spiel-Geschenk. Das Kindergeschirr war nicht, wie ich zuerst dachte, das Geschenk zum Spielen, sondern das nützliche Geschenk. Wenn die Kinder am Tage brav gewesen waren, durften sie abends von „ihrem“ Geschirr essen. Kartoffelschüssel, Sauciere und Fleischteller sind vorhanden, wie bei den Erwachsenen, nur eben in „Kindergröße“.

Wenn Ihr Herzensobjekt Ihnen antworten könnte, was würden Sie es fragen?

Wie war’s damals in der wohlhabenden Kaufmannsfamilie? Wie haben die Kinder, wie die Erwachsenen sich am Tisch verhalten? Durfte man sprechen? Saßen die Kinder bei den Erwachsenen mit am Tisch? Oder aßen sie zusammen mit dem Kindermädchen? …Mir fallen bestimmt noch mehr Fragen ein!

Die Kartoffelschüssel...

Die Kartoffelschüssel…

detailreich bemalt

…detailreich und liebevoll bemalt

Ein Kleid aus der Biedermeierzeit

Das Lieblingsstück des Monats Juni stellt unsere Praktikantin Rebecca Kreib vor. Sie hat im Rahmen ihres Schulpraktikums vier Wochen hinter die Kulissen des Museums geschaut und einen bunten Ausschnitt der Aufgaben, die ein Museum wahrnimmt, erlebt. Die Frage „Was machen die eigentlich den ganzen Tag?“ kann sie nun ohne Zögern und ausführlich beantworten.

Rebecca, es hat viel Spaß mit Dir gemacht!

Eins meiner Lieblingsstücke aus der Sammlung ist…

…das Biedermeier-Kleid, dass aus einer Buxtehuder Familie stammt.

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Das Biedermeier-Kleid begeistert…

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Anfang der 90er-Jahre kam es als Leihgabe in das Buxtehude·Museum.

Was fasziniert Dich an dem Objekt?

Das Kleid hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Besonders gefallen hat mir der Farbton, den es so heute gar nicht mehr gibt, und auch der Stoff, der wunderschön gewebt ist. Das Kleid scheint fast von selbst zu strahlen. Ein weiteres Detail des Kleides sind die wunderschönen eingewebten Blüten, die mich gleich begeistert haben.

An einer Änderung, die am Kleid vorgenommen wurde, kann man sehen, wie es sich mit der Mode und dem Schönheitsideal verändert hat.

Wenn Dein Herzensobjekt Dir antworten könnte, was würdest Du es fragen?

Mich würde sehr interessieren, wann es für wen gefertigt wurde und für welche Anlässe. Und wer es schon getragen hat.

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Die eingewebten Blüten

 

Das Steuerrad des Dampfers Primus

In diesem Monat präsentiert die wissenschaftliche Mitarbeiterin Jutta Kurbjuhn-Schöler ihr Lieblingsstück. Sie arbeitet seit 1996 im Buxtehude·Museum und hat ihre Leidenschaft für Objekte mit Geschichte zu ihrem Beruf gemacht.

Eins meiner Lieblingsstücke aus der Sammlung ist…

…das Steuerrad des Buxtehuder Raddampfers Primus.

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Jutta Kurbjuhn-Schöler präsentiert das Steuerrad des Raddampfers Primus

Dieses hielt der Steuermann in der Nacht zum 21. Juli 1902 in den Händen, als es auf der Elbe zu einer folgenschweren Kollision mit einem Schlepper kam. Was als fröhliche Ausflugsfahrt eines Gesangvereins begann, endete in einer Katastrophe: 103 Menschen starben, nur 80 Meter vom Strand in Hamburg-Nienstedten entfernt.

Das Schiff wurde später geborgen, instandgesetzt und auf den Namen Buxtehude umbenannt – ohne Erfolg. Die Menschen mieden das ‚Unglücksschiff‘. Sein letzter Besitzer, der Buxtehuder Carl Burgis, musste den kleinen Raddampfer 1910 verschrotten lassen. Zuvor sicherte er noch einen Teil des Inventars, darunter auch das Steuerrad.

Wann und wie hat es seinen Weg in das Buxtehude·Museum gefunden?

Seit 1984 gehört das Steuerrad des Primus zum Bestand des Buxtehude·Museums.

Carl Burgis hatte es seiner Tochter Elsie zu ihrer Hochzeit geschenkt. Sie hatte es viele Jahre – zur Deckenlampe umfunktioniert – in ihrer Wohnung in Hamburg hängen. In ihrem Testament vermachte sie das Steuerrad dem Museum.

Was fasziniert Sie daran?

Die Geschichte des Raddampfers war die erste stadtgeschichtliche Ausstellung, an der ich 1997 als Neu-Buxtehuderin mitarbeitete. Durch den Primus habe ich sehr viel über Buxtehude, den Hafen und die Elbschifffahrt erfahren.

Aber vor allem die menschliche Tragödie hinter dem Schiffsunglück berührte mich sehr. Und da sind es keine Zahlen, Daten, Fakten, die einen bewegen, sondern ein Name, ein Einzelschicksal oder eben ein Steuerrad, das zu den letzten Überresten des Raddampfers Primus gehört.

Welche Fragen sind zu dem Objekt noch offen?

Selten haben wir Objekte, deren Geschichte so lückenlos erzählt werden kann, wie die des Steuerrades des Primus – wohl vor allem, weil diese Geschichte einen so dramatischen Höhepunkt hat. Auch Jahrzehnte später erschienen noch Zeitungsberichte darüber.

Umso überraschender ist, dass darin nie ein Überlebender seine Eindrücke schilderte, dass kein Angehöriger zu Wort kam.

Wie wäre das wohl heute? Augenzeugenberichte wären gefragt, Nachbarn von Opfern würden interviewt, selbstverständlich hätte jemand das Unglück mit dem Handy aufgezeichnet, und sicherlich fände sich ein Sender, der in einer auf Jahre angelegten Dokumentation das Schicksal eines der Waisenkinder verfolgt hätte. Würde mich das alles mehr berühren, als dieses Steuerrad?

Detail des Steuerrads

Detail des Steuerrads